Functioning is not the same as living.
Es gibt einen Satz, dem ich nicht mehr entkommen kann.
Ich höre ihn von Menschen, die ich kenne, und von Menschen, die ich zum ersten Mal treffe. Ich habe ihn selbst gesagt, viele Male, lange bevor ich verstand, was ich damit wirklich meinte.
„Alles gut.“
Meistens folgt ein leichtes Lächeln. Ein kurzer Blick zur Seite. Ein Themenwechsel, der so geübt ist, dass er fast natürlich wirkt.
Ich habe gelernt, genau in diesem Moment innezuhalten, um dem Satz mehr Raum zu schenken und genauer zu zuhören. Denn fast immer, wenn jemand „Alles gut“ sagt, ist genau das Gegenteil der Fall.
Woher kommt der Satz „Alles gut“?
Wir sind nicht mit „Alles gut“ auf die Welt gekommen. Wir haben es geerbt — von einer Generation, für die Überleben die höchste Leistung war und Emotionen ein Luxus, den man sich nicht leisten konnte. Das Problem: Die Welt, für die diese Werte gemacht wurden, existiert nicht mehr.
Unsere Eltern haben es uns beigebracht — nicht böswillig, sondern weil sie es selbst so gelernt haben. Von ihren Eltern, die Krieg, Armut, Wiederaufbau kannten. Diese Generation hat Werte übertragen, die in ihrer Zeit Sinn ergeben haben: Nicht klagen. Nicht auffallen. Funktionieren. Durchhalten. Das Innere für sich behalten, das Äußere im Griff haben.
Unsere Großeltern haben keine Smartphones gehabt, keine Always-on-Kultur, keinen 24-Stunden-Nachrichtenstrom. Sie haben keine Zoom-Meetings um 7 Uhr morgens gekannt, keine Slack-Nachrichten um 22 Uhr. Und dennoch navigieren die meisten von uns durch genau diese Welt, mit dem emotionalen Werkzeugkoffer einer vergangenen Generation.
Wir versuchen, ein Leben zu bewältigen, für das wir nie vorbereitet wurden, mit Strategien, die für ein anderes Leben entwickelt wurden.
Warum wirkt so vieles perfekt, obwohl es das nicht ist?
Weil Funktionieren und Leben zwei verschiedene Dinge sind. Menschen liefern, sind verlässlich, kommen nie zu spät, werden nie zu laut — und verlieren sich dabei Schritt für Schritt selbst.
In meinen Jahren in der freien Wirtschaft habe ich etwas immer wieder beobachtet, das mich nicht mehr losgelassen hat.
Menschen, die in Besprechungsräumen sitzen und mitschreiben, nicken und lächeln. Doch bei genauerem Hinschauen zeigen ihre Augen etwas anderes. In ihnen liegt eine Leere, die nichts mit dem Thema des Meetings zu tun hat. Menschen, die in jeder Hinsicht „performant“ sind: die liefern, die verlässlich sind, die nie zu spät kommen, nie zu laut werden, nie etwas fordern. Die perfekt funktionieren.
Und die dabei Schritt für Schritt sich selbst verlieren.
Ich habe Menschen gesehen, die über Jahre hinweg nicht mehr wussten, was sie eigentlich wollen, weil sie so lange ausschließlich geliefert haben, was andere von ihnen erwarten. Die irgendwann nicht mehr zwischen „Muss ich“ und „Will ich“ unterscheiden konnten. Die jede Entscheidung, jeden Gedanken, jedes Gefühl durch den Filter laufen ließen: Ist das ok? Ist das angemessen? Ist das stark genug?
Und wenn sie abends nach Hause kamen und jemand fragte, wie der Tag war?
„War viel los… Aber ist schon alles gut.“
Wir haben Perfektion so lange geübt, bis wir vergessen haben, dass sie eine Übung ist – und kein Zustand.
Was weiß der Körper, das der Kopf noch nicht zugibt?
Der Körper lügt nicht. Während wir „Alles gut“ sagen, registriert er längst das Gegenteil — in hochgezogenen Schultern, flachem Atem, Schlaf, der nicht mehr erholsam ist.
Es gibt etwas, das mich in meiner Arbeit immer wieder fasziniert und gleichzeitig tief beschäftigt:
Der Körper lügt nicht.
Während wir „Alles gut“ sagen, registriert der Körper längst, dass es nicht gut ist. Die Schultern, die hochgezogen sind. Der Atem, der flach bleibt. Die Anspannung, die sich in den Kiefer fressen, in den Nacken, in den Magen. Der Schlaf, der nicht mehr erholsam ist, egal wie lange man liegt.
Der Körper führt Buch. Ganz still, ganz konsequent. Er speichert, was wir nicht aussprechen. Er trägt, was wir nicht zeigen dürfen. Er kompensiert, bis er es nicht mehr kann.
Und dann kommt irgendwann der Moment, den viele meiner Klient:innen beschreiben: Nicht ein dramatischer Zusammenbruch, kein großer Knall. Sondern eine Erschöpfung, die sich anfühlt wie Beton. Ein Morgen, an dem man aufwacht und einfach nicht mehr weiß, warum. Eine Leere, die plötzlich so groß ist, dass kein Meeting, kein Projekt, keine Anerkennung sie füllen kann.
Das ist kein Versagen. Das ist der Körper, der endlich gehört werden will.
Ist Durchhalten wirklich Stärke?
Nein — zumindest nicht die Art von Stärke, die wir uns beigebracht haben. Das Mutigste, was ich bei wirklich starken Menschen gesehen habe, war nicht, dass sie nie gefallen sind. Es war, dass sie sagen konnten: Ich brauche Unterstützung.
Wir haben gelernt, dass Stärke bedeutet: nicht fallen, nicht weinen, nicht brauchen. Still leiden, ohne dass es jemand merkt.
Was, wenn das keine Stärke ist? Was, wenn das Erschöpfung ist, die sich als Wert verkleidet hat?
Das Mutigste, was ich je gesehen habe, war: Ich komme hier nicht alleine weiter. Ich möchte ehrlich sein, mit mir und mit dir. Das erfordert mehr Mut als jedes Durchhalten. Denn Durchhalten kann man alleine. Ehrlichkeit braucht Vertrauen. Und Vertrauen ist das Verletzlichste, was es gibt.
Sich Hilfe zu holen ist nicht Schwäche. Still zu leiden ist es.
Warum macht digitale Vernetzung einsamer?
Weil sie Verbindung simuliert, ohne sie herzustellen. 500+ Kontakte — und niemand, dem du die Wahrheit sagst. Das ist die paradoxe Einsamkeit unserer Zeit.
Früher gab es Strukturen, die echte Gemeinschaft ermöglicht haben. Dorfgemeinschaften, Nachbarschaften, in denen es normal war zu fragen: Wie geht es dir wirklich? Diese Strukturen sind größtenteils verschwunden. Ersetzt durch Social-Media-Profile, die das beste Ich zeigen, das sorgfältig kuratierte Leben, die Highlights ohne die Hängetäler.
Umgeben von Menschen, und gleichzeitig ungesehen. Vernetzt, nicht verbunden. Permanent erreichbar und innerlich allein. Und in dieser Einsamkeit blüht „Alles gut“ besonders prächtig — weil es niemanden gibt, dem man die Wahrheit sagen könnte.
Welche Werte leben wir eigentlich — und sind sie unsere?
Viele der Werte, nach denen wir funktionieren, haben wir nie bewusst gewählt. Sie sind geerbt — und passen oft nicht mehr auf eine Welt, die sich schneller verändert als jede Generation vor uns.
Wir haben verinnerlicht, dass Produktivität Wert bedeutet. Dass Ruhe Faulheit ist. Dass Bedürfnisse zu haben schwach ist. Und jetzt stehen wir da: In einer Welt, in der „Sei effizient“ nicht mehr ausreicht, weil die Maschinen effizienter sind. In der „Sei unabhängig“ uns isoliert statt stark macht.
Es ist nicht, weil etwas mit uns falsch ist. Es ist, weil wir versuchen, ein modernes Leben mit überlieferten Landkarten zu navigieren. Und irgendwann merkt man: Die Karte stimmt nicht mehr mit dem Gelände überein.
Veränderung beginnt nicht damit, alles richtig zu machen. Sie beginnt damit, endlich ehrlich mit sich selbst zu sein.
Was passiert, wenn du aufhörst, „Alles gut“ zu sagen?
Kein Zusammenbruch, sondern eine Öffnung. Der Moment, in dem jemand zum ersten Mal sagt: „Es stimmt gerade nicht“ — das ist in meiner Erfahrung der Anfang von allem, was sich danach verändert.
Nicht das Wissen um die Lösung. Nicht der perfekte Plan. Sondern die Bereitschaft, sich selbst ehrlich zu begegnen.
Das Unbehagen, das du spürst, ist kein Zeichen dafür, dass etwas mit dir falsch ist. Es ist ein Signal. Ein Signal, dass du bereit bist. Nicht für die nächste Methode oder den nächsten Kurs. Sondern für echte, tiefgehende Veränderung, die nicht im Kopf bleibt, sondern in deinem Alltag ankommt.

Wenn du gerade in diesem Dazwischen bist
Nicht mehr der alte Ort, noch nicht der neue. Genau dafür habe ich In Between entwickelt. Nicht als schnelle Lösung. Sondern als Raum, in dem du aufhören darfst, „Alles gut“ zu sagen.


